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Stell dir vor: Du. Drei Jahre alt. Am Spielplatz in der Sandkiste. Gerade erst hast du deine erste Spielzeugschaufel bekommen. Du buddelst damit im Sand, als plötzlich ein anderes Kind kommt und dir dein Spielzeug wegnimmt. Du weißt nicht, wie du dich verhalten sollst, und blickst Hilfe suchend zu deiner Mama, die auf der Bank neben dir sitzt. Sie ignoriert dich, doch du spürst ganz genau, dass sie die Szene beobachtet. Du bleibst still und baust deine Sandburg händisch weiter. Nach Hause kommst du traurig – und ohne Schaufel.

 

Kontakt zum inneren Kind: Doch was ist das innere Kind überhaupt?

Diese – und jede andere Erfahrung aus deiner Kindheit – speicherst du in deiner Erinnerung ab. Unabhängig davon, ob du dich bewusst an die Vorfälle deiner Kindheit und Jugend erinnern kannst, sind die Erlebnisse in deinem Gedächtnis abgelegt. Und die dazugehörigen Emotionen auch. Die Summe dieser Erfahrungen wird „das innere Kind“ genannt.

Gleichzeitig prägt dich jedes Erlebnis deiner ersten Lebensjahre ganz besonders. Die Erfahrung auf dem Spielplatz hinterlässt in dir zum Beispiel das Gefühl, dass niemand für deine Bedürfnisse eintritt und dass du zu akzeptieren hast, wenn dir übel mitgespielt wird. – Dass deine Mama nicht für dich eingetreten ist, weil die Mutter des Kindes, das dir die Schaufel weggenommen hat, die Elternvereinsobfrau ist, vor der deine Mama Angst hat, weißt du nicht und erklärt dir ihr Verhalten noch viel weniger.

Diese Erfahrung sitzt. Und es ist nur eine von vielen.

Als Erwachsene lernst du dann, dass „man für sich sorgen muss“. Du entwickelst eine Art Ellbogentechnik, um durchs Leben zu kommen. Gleichzeitig fühlst du dich oft traurig und allein. Du rechtfertigst dies, indem du dir innerlich sagst: „Die Erfahrungen meiner Kindheit sind vorbei. Heute lebe ich mein Leben anders. Das Leben verlangt Härte. Ich gehöre zu jenen, die sich durchsetzen.“ – Doch glücklich bist du nicht.

Der Großteil der Menschen, mit denen ich arbeiten darf, haben sich im Laufe des Lebens von den Erfahrungen ihrer Kindheit distanziert. So vermeiden sie es vermeintlich, die negativen Gefühle ihrer Kindheit immer wieder fühlen zu müssen. Sie verbannen diese Emotionen in das Unterbewusstsein.

 

Der Kontakt zum inneren Kind geschieht – ob wir wollen oder nicht

Nachdem wir nun diese Vermeidungstaktik angewandt haben, um uns vor wiederholten negativen Erfahrungen zu schützen, läuft alles unbewusst ab. Denn 95% unserer Wahrnehmung passiert unbewusst. Das heißt, wir kommen den Erlebnissen unserer Kindheit nicht aus. Sie finden einfach nur einen anderen Weg, um an die Oberfläche zu kommen.

Begegnen dir viele der folgenden Gefühle, dann ist dies ein sicheres Zeichen für ein von dir abgespaltenes inneres Kind:

  • Du fühlst dich oft überfordert.
  • Deine Lebensfreude ist dir abhandengekommen.
  • Du bist übermäßig leicht kränkbar.
  • Du fühlst dich oft einsam oder allein gelassen – selbst wenn du unter Menschen bist.
  • Du denkst, du bist nicht gut genug, so wie du bist.
  • Du fühlst, dass du nicht dein volles Potenzial ausschöpfst.
  • Das Leben erscheint dir schwer und oftmals sinnlos.

 

Der erste Schritt im Kontakt zum inneren Kind

Dieser Artikel ist ein absolutes Plädoyer dafür, den Kontakt zum inneren Kind wiederherzustellen! Denn egal ob du die Erfahrungen wahrhaben möchtest oder nicht; egal ob du dich von deiner Kindheit distanzieren möchtest oder nicht – diese Prägungen sind vorhanden. Und diese Prägungen werden zu deiner Erfahrungsbasis als Erwachsene. Indirekt wiederholst du die Erlebnisse deiner Kindheit immer wieder und suchst dir unbewusst immer wieder Situationen aus, in denen du die Erlebnisse deiner Kindheit bestätigt bekommst. Paradoxerweise fühlst du dich nur so sicher und bestätigt. Auch wenn du unglücklich damit bist.

Erich Kästner sagt: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“

Heute – als Erwachsene – kannst du die in deinem Unterbewusstsein abgespeicherten Erfahrungen deiner Kindheit in ein neues Licht rücken. Denn mit dem Wissen im Hintergrund, dass deine Mama Angst vor der Mutter des „Schaufelwegnehmers“ hatte und wie sehr sie mit ihrer eigenen Unsicherheit zu kämpfen hatte, weil sie von ihrer Mutter regelmäßig vor Fremden schlecht gemacht wurde, kannst du verstehen, dass deine Mama in der damaligen Spielplatzsituation ihr Bestes gegeben hat. Und dass sie dich nicht im Stich gelassen hat, sondern dass auch sie in diesem Moment wie gelähmt auf der Bank gesessen hat und nicht wusste, wie sie dich beschützen soll.

Du bist die einzige Person, die den Kontakt zum inneren Kind in dir wiederaufbauen kann. Alle um dich herum sehen in dir nur die Erwachsene. Nur du allein kannst mit deinem inneren Kind in einen Dialog treten. So kannst du die Erlebniswahrheiten deiner Kindheit zum Positiven verändern und seelischen Schmerz heilen.

Bitte sei geduldig mit deinem inneren Kind! Ich liebe das folgende Bild: Stell dir vor, da gibt es ein kleines Kind, das die letzten zwanzig oder dreißig Jahre im Waisenhaus gelebt hat. Nun kommt plötzlich jemand, adoptiert dieses Kind und nimmt es mit nach Hause. Glaubst du, dass dieses Kind sofort das Vorzeigekind Nummer 1 wird? Oder glaubst du eher, dass es Zeit für die Eingewöhnung braucht? Zeit, um Vertrauen zu fassen und sich zu öffnen? – Sei also bitte liebevoll mit diesem besonderen Wesen. Es hat viel durchgemacht. Vieles, das du nicht mehr weißt. Gib diesem großartigen Menschen Raum und Zeit, um seine eigene Großartigkeit und Besonderheit zu erkennen und wahrzunehmen. Gib ihm Zeit, damit er seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und artikulieren kann. Du wirst mit der Begegnung eines fantastischen Menschen belohnt werden. Und mit Lebensfreude für dich.

 

Möglichkeiten, um den Kontakt zum inneren Kind aufzubauen und zu halten

Es braucht nur wenig Zeit und Energie, um den Kontakt zum inneren Kind aufzubauen. Meist reichen ein paar Minuten täglich, zum Beispiel um im Bett mit deinem Kind zu kuscheln oder mal ein Eis essen zu gehen. Für den ersten Kontakt zum inneren Kind empfehle ich dir, dir eine viertel oder halbe Stunde Zeit zu nehmen. Dann bitte dein inneres Kind, dass es sich jetzt zeigt. Schau, ob du es in dem Raum, in dem du dich befindest, oder woanders wahrnehmen kannst. Vielleicht taucht eine Szene aus deiner Kindheit auf. Nun begib dich gedanklich zu deinem Kind und stell dich ihm vor. Sag ihm, dass du „die große Version“ von ihm bist, und frag es, ob es für dein inneres Kind in Ordnung ist, wenn ihr euch unterhaltet. Sei gefasst darauf, dass dein inneres Kind anfangs ablehnend reagiert. Wenn es nicht mit dir sprechen möchte, dann sag ihm, dass du gerne ein paar Minuten bei ihm bleiben möchtest. Schließlich verabschiede dich von deinem Kind und sag ihm, dass du in ein paar Tagen wiederkommst.

 

Wichtig: Gib keine Versprechen, die du nicht halten wirst!

Wenn du deinem inneren Kind versprichst, es in ein paar Tagen wieder zu besuchen, dann halte dieses Versprechen auf jeden Fall! Denn sonst hast du ein Waisenkind bei dir in deinem Zuhause, das lieber wieder im Waisenhaus wäre als bei dir. In dem Fall brauchst du dich nicht wundern, wenn der Kontakt zum inneren Kind nicht klappen will.

Wenn dein Kind dann bereit ist, mit dir zu sprechen, dann frag es Dinge wie:

  • Kann ich etwas für dich tun?
  • Möchtest du zu mir kommen?
  • Willst du mir etwas sagen?
  • Wie kann ich dir helfen, damit du im Alltag leichter Kontakt mit mir halten kannst?
  • Möchtest du etwas Bestimmtes tun / essen / spielen?

Tritt in eine Art Dialog mit deinem inneren Kind. Und erfüll ihm seine Wünsche. Verwöhne und verhätschle es bedingungslos. Wenn sich dein inneres Kind zum Beispiel einen Rieseneisbecher bei -10 Grad im Winter wünscht, dann geh mit ihm ein Eis essen und sorg dafür, dass dein inneres Kind noch eine extra Portion Streusel obenauf bekommt. Das heißt nun nicht, dass du sofort das nächste Eisgeschäft stürmen muss. Meist reicht es schon aus, wenn du dein Kind virtuell – in deinem Sessel sitzend – begleitest. Wenn die Erwachsene in dir jedoch auch Lust auf einen Eisbecher hat, dann nichts wie rein in die Gelateria im Ort!

Andere Vorschläge, wie du den Kontakt zum inneren Kind wiederherstellst:

  • Überlege, was du als Kind gerne gemacht hast und wiederhole dies als Erwachsene. Wenn du keine Erinnerung mehr daran hast, dann frag dich: „Was würde mir heute gefallen, wenn ich ein kleines Kind wäre?“
  • Bummel durch ein Spielzeuggeschäft und lass dich begeistern von den vielen tollen Spielsachen dort! Such dir das coolste Spielzeug aus und kauf es dir für zu Hause!
  • Besorg dir ein Stofftier. Vielleicht gibt es auf dem Dachboden der Eltern noch Spielsachen aus deiner Kindheit. Nimm dein Kuscheltier oder deine Puppe mit ins Bett und gib deinen Spielsachen Platz in deinem Alltag.
  • Lies das Lieblingsbuch deiner Kindheit.
  • Suche dir dein Lieblingsfoto von dir als Kind und stell es an einen prominenten Platz in deinem Zuhause oder in deinem Büro. Lächle dein inneres Kind auf deinem Foto an, wann immer du es ansiehst.

 

Das Wichtigste im Kontakt zum inneren Kind: es will spielen, nicht arbeiten!

Bitte beachte eine wichtige Sache im Kontakt zum inneren Kind: es will spielen, nicht leisten! Als Erwachsene haben wir gelernt, dass jede Arbeit, die wir tun, messbare Ergebnisse erzielen muss. Wir glauben fälschlicherweise, dass dieser Ansatz auch beim inneren Kind funktionieren muss. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Sobald du mit Forderungen à la „Ich habe jetzt drei Stunden Zeit für dich, danach musst du integriert sein und ich glücklicher“, ankommst, rebelliert dein inneres Kind und zieht sich vor dir zurück. Die Erwartungen der Erwachsenen konnte dein inneres Kind schon als Kind nicht erfüllen. Warum soll es sich diese Tortur erneut antun? – Kinder spielen um des Spielen willens. Dadurch lernen sie. Dadurch entdecken sie. Dadurch wachsen sie. Und genau das darfst du auch. Dein Geschenk für deine Zeit mit dem inneren Kind: Glück. Freude. Frieden.

Lass mich wissen, wie es dir mit deinem Kontakt zum inneren Kind geht und was ihr beide so erlebt!

PS: Mehrmals jährlich finden Workshopnachmittage statt, wo du den Kontakt zu deinem inneren Kind stärken kannst. Hier findest du die Details!